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IM 21. JAHRHUNDERT Die mobile Informationsgesellschaft Interdisziplinäres Forschungsprogramm |
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Petra Gehring:
Zeitbegriff und vernetzte Kommunikation |
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"Der seismischen Form gehört die Zukunft." (J. Baudrillard)
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| 1. Einleitung
Der Begriff der "Echtzeit" – real time – tritt historisch auf den Plan, als technische Zeitmaße – künstliche Prozeßzeiten oder Maschinenzeiten – sich von der erfahrbaren Zeit ablösen. Genauer gesagt: Die "Echtzeit" gehört in die Epoche des parallel prozessierenden Computers, der über eine andere Zeitlichkeit verfügen kann, etwa gleichsam nebeneinanderliegende simultan abgearbeitete Zeiten. Echtzeit entsteht also, weil Alternativen zum "realen" Zeitlauf entstehen. Ähnlich ist unser Bewußtsein für die "echte" Laufgeschwindigkeit von bewegten Bildern das Produkt einer Epoche, in der es üblich ist, daß man visuelle Abläufe mittels Zeitlupe und Zeitraffer verändert. Und die spezifische Bedeutung der in "echter" Aktualität – also: live – erfolgenden Berichterstattung entsteht mit der elektronischen Direktübermittlung von Information. Beispiele ähnlicher Art sind zu finden. Das Faktum einer "realen" Zeit tritt scharf ins Bewußtsein, weil es nicht mehr selbstverständlich ist. Neben die vertrauten Zeitmaße treten neue, medial herangetragene und zugänglich gemachte Zeitdimensionen. Neben die "natürliche" tritt eine "künstliche", neben die "wirkliche" tritt eine "virtuelle" oder auch "irreale", jedenfalls aber: eine technisch ermöglichte Zeit. Mit dem Internet spitzt sich die Entwicklung zu. Im digitalen Raum treffen die flexibilisierten Zeitmuster verschiedener neuer Medien zusammen. Das Internet realisiert dabei nicht nur exemplarisch, daß sich die herkömmlichen Medien (Radio, TV, Telephon, Direktübermittlung von Schrift) miteinander verknüpfen lassen. Sondern es funktioniert tatsächlich als multimediales Massenmedium. Es eröffnet einen gewaltigen, nur mehr den Regeln seiner eigenen Möglichkeiten gehorchenden Rahmen, eine eigene "Welt", die sich von der Alltagswelt mit ihrer Alltagszeit entkoppelt. Dabei nimmt die Präsenz des Internets zu. Ist die Fusion mit dem Mobiltelephon gelungen, dann kann man das Internet als Teil des Körpers stets bei sich haben. Mit dem tragbaren Zugang gelangt in Kürze "jeder" buchstäblich jederzeit und von überall her ans Netz. So scheint es tatsächlich, als habe die wirkliche Zeit einen (oder vielleicht auch eine Vielzahl von ineinander übersetzbaren, frei veränderlichen) virtuellen Konkurrenten bekommen. Die Philosophie der neuen Medien hat die Loslösung von der alltäglichen Zeiterfahrung schnell als Sensation gefeiert. Ein take off aller Zeitmaße? Apokalyptische und euphorische Zukunftsvisionen liegen nahe beieinander. Von der Auflösung universalistischer Zeitkonzepte im neuen Paradigma der Selbstorganisation (Prigogine) ist die Rede, vom Ende der Linearität und "postmoderner" Dezentrierung (Turkle, Landow, Bolter) kann man lesen oder gar von "transhumaner" Zeit (Virilio): Als Aufbruch in eine andere Ästhetik werden neue Zeiterfahrungen beschworen. Neue Gleichzeitigkeiten und Ungleichzeitigkeiten scheinen erlebbar zu werden, Vertiefungen oder auch Verlust des Raumes und der Geschichte könnten bevorstehen. Ein zentrales Thema ist das der Be- und Entschleunigungen, in denen die virtuelle Welt auf die altvertraute zurückwirkt und in dieser nun die Grenzen der realen Temporalität in Frage stellt. In diesem Kollisionsproblem liegt ein wesentlicher Aspekt des Themas "virtuelle Chronien". Denn jenseits der "neuen" Prozeßzeiten in der Maschine selber: Wenn das Internet seine eigenen Formen von Zeit hat, enthält oder sich schafft und wenn es diese als allgemein zugängliche Zeiterfahrung wirksam werden läßt, dann sind Rückwirkungen der virtuellen Zeitlichkeit auf die bisherigen Zeitmaße der Alltagswelt zu erwarten. Virtuelles und Wirkliches hängen zusammen. Nicht zuletzt darum soll es unter philosophischer Perspektive im folgenden Abschnitt gehen. Nun ist für die Philosophie "die Zeit" ohnehin ein Problem. Eine Fehlannahme muß aus der Sicht der Philosophie daher zunächst ausgeräumt werden, bevor die Frage nach der virtuellen Zeit aufgeworfen werden kann. Diese Fehlannahme betrifft die gewohnte Ordnung der Zeit, die wir die "wirkliche" Zeit nennen. Schon diese wirkliche Zeit hat nicht die Gestalt einer objektiv gegebenen Einheit. Sie ist nicht mit einer "natürlichen" Zeit oder gar mit der Zeit der physikalischen Zeitmessung, mit der praktisch greifbaren "Uhrenzeit", identisch. Zeit läßt sich nur fragmentarisch objektivieren, und dasselbe gilt für subjektive Zeiterfahrungen. Auch diese verweisen nicht auf eine Homogenität der Zeit. Zeitphänomene sind relativ und nur relativ messbar – zumindest über die Tatsache, dass dies so ist, herrscht kein Zweifel unter so überaus verschiedenen Wissenschaften wie der Mathematik und der theoretische Physik, der Soziologie, der Psychologie oder auch der Geschichtswissenschaft, auch wenn ansonsten diese Wissenschaften das Thema ganz unterschiedlich behandeln. Komplizierter noch: Die Fülle dessen, was man als "wirkliche" Zeit ansprechen und empfinden kann, ist überhaupt nicht als eine Zeit im Singular denkbar. Für die Theoriebildung im 20. Jahrhundert war diese philosophische Tatsache zentral. Und sie entspricht einem aktuellen Selbstverständnis, demzufolge es normal und auch lebbar sein muß, in paradoxen Zeiterfahrungen zuhause zu sein. Die konkret meßbare Zeit und die abstrakt konstruierbare Zeit, die erfahrene Lebenszeit und die objektivierbare Weltzeit, die Wahrnehmung der Geschichten und die Wahrnehmung der Geschichte klaffen auseinander. Selbst das unmittelbare "Jetzt" ist nur in Widersprüchen denkbar. Für die Reflexion ist gerade die zeitliche Gegenwart ein Paradoxon, sie entzieht sich jedem Versuch der Eingrenzung. Mit anderen Worten: Zeit ist für die Philosophie ohnehin kein einheitliches Phänomen. Was man Zeit nennt, ist ein heterogenes Problem, ein plurale tantum. Die Zeiten der Wirklichkeit sind verzahnt, kollidieren, stehen gegeneinander. Folglich ist schon das, was wir – jenseits der "realen" Zeit und in einem übergreifenden Sinne – die "wirkliche Zeit" nennen, alles andere als klar. Schon die wirkliche Zeit erfordert komplexe Modellbildung. Was aber tritt als "virtuelle Zeit" zu den vorhandenen Dimensionen hinzu? Und wie sind "virtuelle" Temporalität und "wirkliche" Zeitmaße verbunden? Welche Auswirkungen hat das eine auf das andere? Wirken Netz und Netzkommunikation auch auf die herkömmlichen Zeitstrukturen zurück? Vier Punkte sollen nachfolgend behandelt werden. 3. Von den Verschiebungen der Zeitmuster: Welche neuen Zeitformen beginnen im Medium der Netzkommunikation zu entstehen? 4. Die Virtualisierung der Zeitsemantik: Initiiert das Netz einen Raum der universalen Synchronie, wird das Archiv zum Speicher, eröffnet es virtuelle Geschichtsschreibung, werden die Dimensionen Vergangenheit und Zukunft "virtualisiert"? 5. Die Frage der Zeit-Kollisionen: Wie lassen sich Rückwirkung der virtuellen auf die "wirkliche" Zeit denken – und wie Rückwirkung der "wirklichen" auf die virtuelle Zeit? 2. Das Netz in der "wirklichen" Zeiterfahrung Als das Internet im bis dato netzlosen Alltag auftauche, breitete es sich dort schon bald mit rasender Geschwindigkeit aus. Schnell erkennbar war die Zeitersparnis, die sich in Bereichen wie Bürokommunikation, Recherchen, Werbung, Zahlungsverkehr durch das Netz ergab. Spürbar sind aber auch die vielfältigen neuen Zeitbindungen, die das Internet mit sich bringt – nicht nur dadurch, daß es sich um einen technisch anfälligen Kommunikationsweg handelt, der durch hohe Reparatur- und Wartezeiten belastet. Sondern auch dadurch, daß das Leben mit einem funktionierenden Netzzugang eine veränderte Zeitaufteilung mit sich bringt. Das Netz ist Werkzeug, Unterhaltungsmittel, Faszinosum. In fast allen gesellschaftlichen Bereichen zeigt sich das, wo der Internet-Zugang längst nicht nur in jedem normalen Büro zuhause ist oder in Form von Internet-Cafés noch den kleinsten Ort besiedelt. Sondern der Eingang ins Netz bewohnt auch den ganz normalen Privathaushalt – in Gestalt eines kleinen Möbels (Rechner, Bildschirm, Tasten, Drucker) oder auch in mobiler Form, als Notebook oder Wap-Handy, durch das man das Netz gleichsam wie ein kleines Körperorgan ständig bei sich hat. Am (stationären) Rechner verbringen Jugendliche heute im Schnitt mehrere Stunden am Tag im Internet. Der PC läuft dem Fernseher den Rang ab. Umgekehrt läßt sich mit der entsprechenden Konsolen-Ausstattung der Fernseher zum PC umrüsten und der PC zum TV – für Spiele und Simulationen wird er so zur virtuellen Bodenstation. Ein weiterer Bildschirm, vor dem man stundenlang "sitzt", also unbeweglich und in monotoner Form Zeit – Arbeitszeit, Freizeit – verbringt? Mediensoziologen beschreiben den Internet-Gebrauch unter ähnlichen Gesichtspunkten wie die Fernsehforschung: Das Internet ist zunächst einmal und ganz basal betrachtet ein entsprechend präparierter Computer, also ein Gerät. Es bedeutet: Ruhigstellung, Sistierung des Körpers. Es bedeutet: unverwandter Blick auf das Bild, Fehlen jeglicher direkter Kommunikation oder auch nur direkter Wahrnehmung anderer Menschen. Der Netz-Terminal koppelt Mensch und Gerät. Vor allem der exzessive Internetgebrauch von Kindern und Jugendlichen wird unter diesem Blickwinkel besorgt bilanziert. Das Netz absorbiert Zeit und isoliert für die Zeit, der man sich der Netzkommunikation widmet. Es sorgt für Mangel: Bewegungsmangel, Mangel an "wirklicher" Kommunikation und ganz allgemein: für einen Mangel an Zeit. Denn die Kommunikation im Netz ist darauf angelegt, sich immer weiter fortzusetzen – und zwar im Netz. Netzkommunikation will durch Netzkommunikation fortgesetzt werden. Es schickt einen nicht gleichsam aus dem Netz heraus. Dies gilt nicht nur für das dem Nutzer stets nahegelegte Angebot zu "surfen" (um dabei insbesondere den diversen Produktwerbungen zu begegnen und zu folgen). Sondern es gilt auch für die Fülle der nicht unmittelbar ökonomisch motivierten, sondern schlicht "reizvollen" Appelle an die kommunikationsbereite Aufmerksamkeit der Beteiligten. Das Netz ist eine Spielwiese für die Neugier und weckt den Eindruck einer unendlichen Vertiefungsoption für "Wissen", "Kennenlernen" und "Information". Kommunizieren im Netz tendiert dazu, in Anschlusskommunikationen zu verstricken. Das Prinzip des link ist verallgemeinerbar: Jeder Anfang im Netz schickt auf verknüpfte Pfade ohne Ende. Jeder Anfang im Netz tendiert dazu, einen unausgesetzt im Netz zu halten. Daß spätestens diese Tendenz mit der "wirklichen" Zeiterfahrung kollidiert, liegt auf der Hand. Pessimisten weisen auf Suchtgefahren und de-sozialisierende Effekte hin, die der Gegenwelt des Netzes eben deshalb innewohnen, weil es tatsächlich eine ganze "Welt" darstellt, die sich als Gegenwelt und Fluchtburg eignet. Wenn Internet-Nutzer sich als "Netzbewohner" bezeichnen, sich gleichsam heimisch einrichten und demonstrativ Attribute des Alltags- und Privatlebens virtuell zu rekonstruieren suchen, dann liegt der Verdacht der Abkapselung nahe. Auch Versuche, "ausschließlich" im bzw. mittels des Netzes zu leben, gehen in diese Richtung. Das Netz steht für neue Maße der Autarkie. Im Internet erprobt man quasi die Abkopplung von der "realen" Welt. Gleichwohl ist der Hinweis soziologischer Optimisten angebracht, daß
Alltags- und Körperwirklichkeit als temporale Nahtstellen bleiben
werden. Keine Mensch-Gerät-Verbindung kommt ohne die Welt aus, in
der der reale Leib und das reale Gerät ihren Ort haben und Einflüssen
ausgesetzt sind, von denen man sich im sozialen Normalfall allenfalls durch
kunstvolle Isolationsbemühungen losmachen kann. Umgekehrt ist der
Hinweis berechtigt, dass auch die "direkte" Kommunikation, die Kommunikation
unter Anwesenden stets (sprachlich) vermittelt bleibt. Und medial vermittelte
Kommunikation ist nicht automatisch, schon weil sie "indirekt" ist, defizitär.
Die pessimistische Diagnose der Vereinsamung und Ent-Sozialisierung des
Individuums vor dem Computer enthält, so gesehen, einen Trugschluß:
Wenn es sich um Netzkommunikation, also um Interaktion via Internet handelt,
sind sehr wohl andere im Spiel und das Bild der Vereinsamung täuscht.
Richtig bleibt die Beobachtung, daß für den vermeintlich einsamen
Netzbenutzer als die dominierende Zeiterfahrung die "virtuelle" Zeit des
gemeinsamen Kommunikationsraumes bedeutsam sein wird. Der "reale" Alltag
mag das Nachsehen haben, wenn das Netz die wichtigeren sozialen Bezüge
zu tragen beginnt. Dies mag freilich in früheren Zeiten für den
Brief und das Telephon sowie heute in womöglich noch dramatischeren
Maßen für die mündliche und SMS-Kommunikation via Handy
gelten. – Am Körper sind und wirken die Medien mit- und gegeneinander,
und je mehr sie sich mischen, je mehr sie um die Aufmerksamkeit und die
Priorität in Sachen Wirklichkeit konkurrieren, desto sicherer ist
es nicht der "virtuelle" Raum, in dem zunächst einmal der oder die
Einzelne/n seine/ihre Präferenzentscheidungen trifft. Man wird stets
einen "realen" Körper denjenigen nennen, der sich für oder gegen
ein Medium entscheidet oder sich seine persönliche Präferenzmischung
zwischen Medien macht. Über die Körperwirklichkeit des Internetgebrauchs
sind somit letzte Worte nicht gesprochen. Sicher ist nur, daß die
virtuelle Zeit sich zunächst einmal wie eine besonders kompakte
Eigenzeit der realen Zeit zuzumuten scheint. Trotz Brief, Buch, Film, Radio
und Telephon scheint aus der verflochtenen, multimedial verdichteten Temporalität
virtueller Räume doch eine Art einmalige Konkurrenz für diejenige
"reale" Zeit erwachsen zu sein, die als ihr Gegenstück den Alltag
unter Anwesenden prägt.
3. Verschiebung der Zeitmuster und neue Formen im Medium der Netzkommunikation Vernetzte Kommunikation ist Entgrenzung. Das gilt auch für die Möglichkeiten der Darstellung und Thematisierung von Temporalität, also der Zeit als Inhalt oder Gegenstand von Netzkommunikationen, unserem ersten Punkt. Im Netz als neuem Medium bildet sich die Zeitsemantik der alten Medien nicht nur ab. Vielmehr werden neue Formen aus den alten gewonnen, neue Möglichkeiten unter die alten gemischt und die virtuelle Quasi-Realität der irrealen Muster gegen die Realität alter Prägung, die "wirklichen" Gewißheiten unserer Zeitwahrnehmung ausgespielt. Ein Beispiel ist der Musik-Video-Clip – im multimedialen Feld des Internet ein eigenes Genre. Musikvideos entfalten ihre Kunst weit jenseits davon, einfach nur die visuellen Mittel des Fernsehfilms mit der akustischen Unterlage eines Musikstücks zu kombinieren. Entscheidende Dimension des Musikvideos ist der Rhythmus, und zwar als Überlagerungsphänomen zwischen Auge und Ohr. Akustische und visuelle Rhythmen werden experimentell verschmolzen. Sehzeit- und Hörzeit-Muster arbeiten mit- oder auch gegeneinander. Die Arrangements treiben die Rhythmen und Geschwindigkeiten, die normale Temporalität des Wahrnehmens über die separat gewohnten Grenzen hinaus. Erzeugt wird ein Drittes, Zeitinterferenzen und auch neue Zeitmuster eigener Art. Im Internet kommen Eingriffs- und Zugriffsmöglichkeiten, interaktive Optionen, unmittelbare Kommunikationen mit anderen hinzu, die sich einschalten und partizipieren. Im Idealfall reichen die Rezeptionsmöglichkeiten bis hin zum Herunterladen, der Weiterbearbeitung und der modifizierten "Rückgabe" des präsentierten Materials in den anonymen Raum. An die an "wirkliche" Darbietung geknüpften Grenzen etwa der tanzbaren Geschwindigkeit oder Schlagzahl oder an eine standardisierte Zeitdauer des Unternehmens bindet sich das virtuelle Gesamtkunstwerk nur noch wenig. Schon seit den 1980er Jahren wird in der Welt der digitalen Musikherstellung pathetisch das Ende des individuellen Produzierens und – mittels mixen, remixen, samplen – das Ende des fest umrissenen Werks beschworen, wobei auch die Trennlinien von Produktion und Rezeption verschwimmen. Das Internet als ultimativer Spielraum vervollkommnet gleichsam diese neu geordnete, allein auf virtuelle, auf frei gewählte und verschiebbare Maßeinheiten angelegte visuell-akustisch-pragmatisch "offene" Musikalität. Die spezifische Temporalität der Netz-Musik realisiert (nicht ohne das Zusammenspiel mit einer ebenso spezifischen Verräumlichung) die Eigengesetze eines Kunst-Raums "virtueller" Art. Vertraute Zeitmuster werden verwendet, affirmiert, negiert und über sich selbst hinaus getrieben. Ein zweites Beispiel hierfür ist live-performance von reality als Zuschau- und/oder Interaktionsprojekt, also die Präsentation eines bestimmten Raumes, eines Ortes, das Abfilmen einer Person, einer geschlossenen Gruppe etc. Experimente mit dem Maximalzuschnitt, der Vierundzwanzig-Stunden-Übertragung über einen langen Zeitraum waren zunächst spektakulär: Individuen zeigen rund um die Uhr ausschließlich sich selbst in ihrer privaten Umgebung als permanent beobachtbares Objekt; Medienproduktionen wie für den deutschen Sprachraum erstmals das als TV-Serie und zugleich als Internet-Übertragung durchgeführte Experiment "Big-Brother" setzen isolierte Gruppen unter bestimmten Spielregeln in Szene; Jahre einer Berufsausbildung oder ganze Familiengeschichten werden in ihrer Allmählichkeit verfolgt. Auch mit solchen Präsentationen von "Realität" treibt der virtuelle Raum eigene Zeitmaße hervor und den gewohnten begrenzten Zuschnitt eines bloßen Mediums über sich hinaus. Das Experiment einer bloßen Abschilderung von Verläufen in Echtzeit ohne jegliche Unterbrechung oder Verdichtung zielt auf eine virtuelle Verdopplung der Realität. Die unverdichtete reality-Zeit stellt sich der Alltags-Zeit entgegen, ohne die normale Beschränkung zu wahren, durch die jedes "künstliche" Medium sich bisher dem "wirklichen" Alltag unterstellt: Ihn zu verknappen und eine schnellere oder jedenfalls eine abweichende Perspektive zu organisieren, also eine fiktive und auf ein (in welcher Form auch immer) "Wesentliches" zugespitzte Temporalität. Ein drittes Beispiel bilden die nicht nur in ihrem Was, sondern auch in ihrem Wie und eben auch hinsichtlich ihrer Temporalität ganz der Selbststeuerung durch die Beteiligten überlassenen Kommunikationsräume, die das Internet hervorgebracht hat: On-line-Treffpunkte in MUDs oder MOOs. Hier kann, wenn man so will, "gespielt" werden. Zeitrhythmen, Gleichzeitigkeiten und Nacheinander lassen sich frei herstellen. Sie folgen der Eigendynamik einer nahezu ohne zeitliche Widerstände möglichen Simultankommunikation und kreisen um die virtuelle Quasi-Präsenz der Gesprächspartner/innen, die sich dabei herstellt. Nicht nur Identitäten, auch Raum- und Zeitmuster scheinen wie Spielmaterial. Die entstehenden neuen Formen, Inszenierungen von spezifischer "theatraler Textualität" (Sandbothe), sind dabei nicht einfach ironisch oder fiktiv, sondern haben das ganze Gewicht einer von mehreren geteilten Imagination. Man "ist" in der autonomen Zeit der Netzkommunikation und verhält sich relativ zu ihr (kann nicht unterbrechen, wartet, erinnert, greift vor etc.), womit sich die Temporalstruktur einer Netzbegegnung im virtuellen Raum von MUDs oder MOOs in jedem Fall stark von der Temporalstruktur einer "wirklichen" Begegnung unterscheidet. Die drei Beispiele zeigen, daß die abweichende Zeit, die virtuelle
"Eigenzeit", so wie sie im Medium des Netzes entsteht, ein mehrdeutiges
Phänomen ist. Die neuen Temporalstrukturen sprengen eine Zeit, die
an engere Vorgaben gebunden ist, speziell: an das Medium der Dauer, der
raumgebundenen Längen und der zeitlichen Nacheinander. Das kann man
als Gefahr beschwören und als Chance begrüßen. Den einen
erscheint das Netz als Ort, an dem Sozialbeziehungen jegliche zeitliche
Verbindlichkeit verlieren und die Kommunikation der Beschleunigung, der
anonymen oder pseudonymen Beliebigkeit verfällt. Den anderen erscheint
es als Ort, an dem z. B. in politischen Fragen eine Simultankommunikation
möglich wird, die demokratische und globale "Echtzeit"-Lösungen
für Probleme eröffnet, die man bisher nur "von oben" regeln konnte,
weil der hohe Kommunikationsaufwand im Wege stand. In der Virtualisierung
der Zeit läge damit ein Mehr an Freiheit: mehr Desorientierung wie
auch mehr orientierender Spielraum.
4. Virtualisierung der Zeitsemantik Mit der Speicherkraft der unzähligen Rechner, die als dichtes Netz den Planeten überziehen, ist ein riesiges Archiv entstanden. Das Netz erlaubt verzögerungslose Zugriffe auf quantitativ nahezu unbegrenzte Mengen von Daten. Damit erlaubt es auch ein bislang nie dagewesenes Maß der Simultanpräsenz von zur Erinnerung aufbewahrter Information. Das Netz ist ein Gedächtnis- und (potentiell) Erinnerungssaum – für Monumente der Vergangenheit wie für Sedimente der Netzaktivitäten selber. Im Internet lassen sich "reale" Archive zugänglich machen und – wenn man so will – "reale" Hinterlassenschaften, reale Materialien in tendenziell vollständiger Weise abbilden. Es ist aber auch die mitlaufende Archivierung und Speicherung der Netzkommunikation selbst möglich – sei es als Fortschreibung, sei es als neue Form einer Gedächtnisbildung "realhistorischer" Art. Man merkt schnell, wie verwirrend das Problem sich darstellt. Wie sollen wir unsere Zeitbegriffe bezüglich der Erinnerung und des kollektiven Gedächtnisses ins Zeitalter des Internet hinein übersetzen? Das Netz ist gleichsam zu perfekt für das, was namentlich die Ausarbeitung einer als historisch "wirklich" geltenden Vergangenheit bisher gewesen ist – nämlich ein Zusammenspiel von Widerstand des Materials und Mühen der Lesbarmachung. Oder auch ein Zusammenspiel von Erinnern und Vergessen. Und nicht zuletzt das Vergessen hatte eine konstitutive Funktion. Gerade der Normalität, den Riten und Üblichkeiten des Vergessens fällt aber das Internet in den Rücken. Tendenziell erscheint ja der virtuelle Raum als ein Raum ohne Vergessen. Jedenfalls stilisiert er sich so. Andererseits wird gerade die unmerkliche Löschung, das stillschweigende Verändern, durch einfachen Datenzugriff erleichtert. So gehört wohl zur quantitativen Erinnerungskapazität des Netzes die besonders niedrige Schwelle zum Datenverlust; vielleicht könnte man von einer speziellen Netzvergesslichkeit reden. Zweifellos wird das Netz die Geschichtsschreibung revolutionieren, denn die schiere Quantität des verfügbaren Materials ist im Begriff, derart zu explodieren, dass eine Präparation von historischer Vergangenheit mit den herkömmlichen Methoden der Quellenarbeit nicht mehr zu leisten ist. Es bedarf neuer Kriterien, Selektions- und übrigens auch neuer Überprüfungsverfahren hinsichtlich der "Echtheit" des Materials. Hinsichtlich ihrer Dichte, ihrer variablen Präsentationsformen und ihrer (was jüngste Geschichte angeht dann bereits im Original) multimedialen Beschaffenheit nähern sich Vergangenheit und Gegenwart an – zumindest der Idee nach. Wobei die Zeitreise (ins historisch Fremde) nicht nur mit der geographischen Reise (ins kulturell Fremde), sondern auch mit der fiktiven Reise (ins imaginäre Fremde) verschwimmen kann. Das Internet erhält die Züge eines Modells – um nicht zu sagen: eines Paradigmas der Zeitsemantik. Schon heute hat sich die Geschichtswissenschaft hinsichtlich der Machart des Historischen auf Neuland begeben. Seit kurzem gibt es das neue Arbeitsfeld "virtuelle" Geschichte im Rahmen der klassischen Disziplin. Virtuelle Geschichte betreibt nicht Zukunftsforschung, sie entwirft also nicht eine mögliche Historie von morgen. Sondern sie unternimmt Simulationsversuche im Raum der Vergangenheit. Sie bearbeitet Fragen des Typs: Was wäre geschehen, wenn im historisch bekannten Kontext das Ereignis x anders verlaufen oder anders ausgegangen wäre? Sie nutzt also die Möglichkeiten digitaler Simulation zum – mehr oder weniger seriösen – Möglichkeitsspiel mit den komplexen Determinationsverhältnissen im historischen Raum. Immerhin mischt sich mit den möglichen Zukünften einer alternativen Vergangenheit eine ungewohnte, fragile Temporalität hinein in den Kanon der historisch zulässigen Zeiten. "Real" ist virtuelle Geschichtsschreibung nicht, aber wie "real" ist Geschichtsschreibung, die Konstruktion von Vergangenheit überhaupt? Sollte sich in der virtuellen Geschichte die Wahrnehmung des Gewesenen in einer Parallelwahrnehmung von vielen "möglichen", aber keiner definitiven Vergangenheit mehr verwandeln, dann hat das Folgen für den historischen Sinn. Die ganze Dimension der Geschichte im Singular tritt zugunsten vieler nur mehr möglicher Geschichten zurück. Die Semantik der historischen Zeit(en) verliert den Indikativ. Sie bindet sich in einem viel stärkeren Maße als bisher an ein genuines Entwurfsbewußtsein. Wie unmittelbar sie damit in die Nachbarschaft der "realistischen" literarischen oder journalistischen Fiktion geraten ist, liegt auf der Hand. Von der Vervielfältigung und Ergänzung der einen gewesenen Vergangenheit um die vielen möglichen (weil als "historische" denkbaren) Vergangenheiten ist auch der Schritt zur Extrapolation möglicher Zukünfte kleiner geworden. Auch die Nachfolger und Nachfolgerinnen der Zunft der Futurologen sind im Internet zuhause. Mit einem Bein in der Gegenwart und sozialwissenschaftlich inspiriert wird Zukunftsprognostik als "Trendforschung" betrieben. Historisch weiter greifen sozial- oder wirtschaftspolitische "Szenarien" und Pläne. Solche können sich entweder als bloße Beschreibung einer künftigen Gegenwart verstehen oder aber den eigenen Self-fulfilling-prophecy-Charakter offensiv einbringen – und etwa die historische Entwicklung einer erst noch zu schaffenden "Euro-Regio" simulieren, so daß gleichsam virtuell angestiftet wird – und zwar nicht nur herbeigeredet, sondern bereits ausdiovisuell zeigbar gemacht und also sinnlich vorweggenommen – was dann im Zuge einer realen Nachholbewegung dereinst im vollen Wortsinne "der Fall" sein soll. Klar ist, daß zumindest dem Prinzip nach der Vervielfachung der
möglichen Vergangenheiten einer spiegelsymmetrischen prospektiven
Vervielfältigung der Zukunft nichts im Wege steht. Entsprechend einer
virtuellen Vergangenheit ließen sich – im Wege ähnlich präziser
wenn/dann-Verknüpfungen – auch virtuelle Zukünfte durchspielen.
Gegenwärtige Zukünfte als Alternativen im Hinblick auf eine künftige
Gegenwart, die sich vielleicht nicht zwingend ableiten läßt
(und damit als Optimum unter gegebenen Möglichkeiten "wählen"),
aber doch "angenähert" werden kann? Sollte es diesem Phantasma Nahrung
geben, dann verleiht das Paradigma Internet der zeitweilig erloschenen
Planungseuphorie moderner Sozialstaaten am Ende noch einmal ungeahnten
Schwung. Sollte aber wirklich mittels der "virtuellen" Temporalität
im Machbarkeitskrieg um die "reale" Gegenwart experimentiert werden? Es
fragt sich, ob eine Gesellschaft das wünschen sollte.
5. Rückwirkung der virtuellen auf die "wirkliche" Zeit und der wirklichen auf "virtuelle" Zeiten Virtuelle Chronien sind ein neues Phänomen, das steht außer Zweifel. Das allein muß jedoch nicht heißen, daß sie unbedingt derart spektakuläre Auswirkungen auf die "wirkliche" Temporalität haben müssen, wie es vielleicht den Anschein hat. Nicht alles, was neu ist, führt zwangsläufig qualitative Veränderungen herbei. Eine Herausforderung liegt in den Eigenzeiten des Netzes wohl nur insofern, als sie sich der "Echtzeit" der Welt tatsächlich entgegenstellen oder auch zu ihr in Konkurrenz treten: sei es in Form einer (vom unvernetzten Alltag her gesehen) "irreal" wirkenden Gegenwelt mit eigenen Zeitgesetzen, in die der/die individuelle Netznutzer/in verschwindet. Oder sei es auf kollektiver Ebene in Form einer alternativen Gedächtnisbildung, in Form von virtuellen Geschichts-Räumen oder einer sich virtuell auffächernden, auf neue Weise simulierbar und dadurch planbar erscheinenden Zukunft. Oben hatten wir bereits festgehalten: Es ist im Grunde erst der Kollisionsfall, der die Frage nach beidem – nach "Echtzeit" und virtuellen Zeiten – hervorbringt. Wirkt dann die neue virtuelle Zeit auf die herkömmliche echte Zeit zurück? Werden sich unter dem Einfluß des Internet neue Zeit-Wirklichkeiten bilden? Sich mit der Frage der Rückwirkungen zu beschäftigen, heißt schon, daß – Netz- und Nichtnetzzeiten umgreifend – von einer "Wirklichkeit" im umfassenderen Sinne gesprochen werden muß. Von einem Gesamtgefüge einer "wirklichen" Zeit, die (wie vielgestaltig auch immer sie wiederum sein mag) wir uns als jene Zeit vorzustellen haben, in der die virtuellen Zeiten und die realen Zeitmaße tatsächlich miteinander kollidieren können. Ohne die Zonen des Zusammentreffens virtueller und diesseits des Virtuellen angesiedelter Zeitmuster kann man weder von wechselseitigen Einflüssen noch (gegebenenfalls) von neuen "Effekten" des Ineinanderwirkens der neuen und der angestammten Zeiten reden. Diese "wirkliche" Zeit, in der virtuelle und reale Zeit vorkommen, hat nun nicht die Gestalt einer Schachtel, in der sich Netzzeit und netzlose Zeit gleichsam nebeneinander legen – ob "harmonisch" oder mit gegenseitigen Störungen oder auch Reibungsverlust. Eher wird es sich um "wirkliche" Überlagerungsfelder handeln, in denen Übergänge von der einen in die andere Zeitsorte stattfinden – und lebbar sind. Eine solche "wirkliche" Zeit des Umgangs wird im Zweifel quer zu den temporalen Vorgaben entstehen: als Wirklichkeit mit Netz aber auch unter der wiederum: wirklichen Maßgabe: Auch das Netz ist nur ein Medium unter anderen, und virtuelle "Eigenzeiten" haben sich mit der Eigenzeit des Dialogs und Zuhörens unter Anwesenden, des Telephons, des Lesens, des Schreibens, des Fernsehens und nicht zuletzt mit der Zeit des kommunikationslosen Schweigens zu arrangieren. Zugleich muß das eine dem anderen nicht fremd sein. Lediglich im Moment ihres Auseinandertretens finden Kommunikation im Netz und Kommunikationen außerhalb seiner in einander fremden Zeituniversen statt. Insofern muß die virtuelle Zeit des Netzes nicht zwangsläufig alle anderen Zeiten usurpieren. Für die Wirklichkeit lassen sich durchaus Zeitfelder denken, in denen Kollisionen von herkömmlicher Zeit und virtuellen Zeitmöglichkeiten nicht auf Kosten der beiden Seiten, sondern zugunsten eines Ineinandergreifens von beidem nutzbar werden. Wirkliche Zeit muß nicht bloß eine vor dem Netz zurückweichende (Rest-)Zeit sein. Sie könnte eine um temporale Möglichkeiten erweiterte Alltäglichkeit pflegen. Sie könnte gleichsam von virtuellen und realen Zeit-Adern durchzogen sein – und dies ohne per saldo an "Wirklichkeitsspannung" zu verlieren. Preisgegeben wäre allein der Authentizitätsmythos einer "Realzeit", die nur gleichsam netzfrei als Wirklichkeit "pur" betrachtet werden dürfte. Ein Beispiel. Ungeheuer verdichtet haben sich Informations-Reaktionskreisläufe wie der Aktienhandel, der – als virtueller – auch den Kleinaktionären schnelle, detaillierte Informationen und blitzartiges Aktivwerden ermöglicht, und zwar weltweit. Mit der Zuschaltung des Internet hat sich der Finanzmarkt verändert. Er ist schneller geworden, zugleich reizbarer, abhängiger von den Massenmedien, unberechenbarer. Aber auch auf neue Weise steuerbar – sozusagen unter Ausnutzung seiner (verglichen mit langsameren Börsenzeiten) gleichsam naiven oder auch ein wenig paranoiden Nervosität und teilweise durchaus zum Nachteil des "schnellen" Netzaktionärs. Man könnte sagen: Alte und neue Zeitmaße kollidieren hier miteinander. Man könnte aber auch sagen, daß sie sich überlagern und daß neben bestimmten Beschleunigungseffekten auf anderen Ebenen eine neue, bewußt langsamere und eine auf die Beschleunigung sich adäquat einstellende Zeitgestalt der Börsenwirklichkeit entstehen. Hat also eine "virtuelle" Zeit über die "Echtzeit" des alten Wertpapierhandels gesiegt? Genauso gut könnte man sagen, daß die virtuelle Zeit in ihrem Zusammenspiel mit dem herkömmlichen Zeitgefüge, so wie es bis dato den Börsenhandel bestimmte, absorbiert worden ist von einer umgreifenden Zeitwirklichkeit des Geldmarktes, in die beides Eingang findet. Zweifellos setzt das Internet insbesondere in puncto Geschwindigkeit und in puncto Dichte der schieren Übermittlung und (potentiellen) Zugänglichkeit von Informationen neue Maßstäbe. Der Theoretiker Manuel Castells hat im Hinblick auf diese neue Situation von "timeless time"[1 ] gesprochen: In kleinste Informationseinheiten, zeit- und raumenthoben, paßt ungeheuer viel hinein. Wie schon durch Fernsehen und drahtlose Telekommunikation wird durch das Netz und erst recht durch den digitalen Verbund all dieser Medien die Alltagswelt beschleunigt. Die Zeit wird manipulierbarer, und sie wird tendentiell synchronisierbar – wie ja auch der Raum sich durch Tele-Vision und durch zeitverlustfreie Distanzkommunikation tendentiell ent-räumlicht. Nicht nur individuelle Beziehungen verfügen dadurch über die Möglichkeit "beschleunigter" Kommunikation. Auch komplexe Situationen wie politische Krisen, globale Entscheidungslagen oder Kriege werden, wie der französische Medienphilosoph Paul Virilio festgestellt hat, zu einem Echtzeitgeschehen, das den Betrachtern einen – unter Umständen trügerischen – Überblick fingiert, während es zugleich die Verhaltensweisen der Akteure in ein merkwürdig wirklichkeitsloses Gebaren verwandelt. Wer hat in einem "Fernsehkrieg" wie der US-amerikanischen Intervention im Irak oder der NATO-Intervention in Bosnien ein realeres "Bild" der Lage: Der Politiker oder General, der (wie das Heer von Fernsehzuschauern) eine Fülle von Luftaufnahmen zu sehen bekommt und aufgrund der so erblickten "Realitäten" Einsatzbefehle erteilt, oder aber der Soldat, der an einem unübersichtlichen Einsatzort einen Befehl auszuführen hat, der ihm nur aufgrund der Kamerabilder erteilt wurde, und dessen Anlaß ihm nirgendwo "real" begegnet? Das Phänomen ist neu: Nicht länger verhält es sich so (was schon kompliziert genug war), dass auch der Soldat erst nachträglich ein "authentisches" Bild der Schlacht gewinnt, an der er beteiligt war. Sondern "authentisch" sind nun Echtzeit-Kamerabilder, deren Widersprüchlichkeit sich definitiv nicht mehr auflöst. Ein Medienkrieg findet statt, ohne daß noch jemand sagen könnte, was da wirklich stattfindet. Man agiert im Wege von "Teleaktion, bei der sich die Konfliktparteien ... vor aller Augen in einer Situation der absoluten Interaktivität befinden."[2 ] Die Zeitspanne zwischen Intention und Aktion schrumpft, und der Manipulation von Bildern wie auch Nachrichten sind keine Grenzen gesetzt, denn die gesamte Wirklichkeit ist nur mehr digital zu haben. Jedenfalls für den Moment. Politik droht so zur überhasteten Politikbewältigungs-Politik zu werden, bei der die Erstreaktion nur auf das Medium möglich ist und das Denken – oder auch öffentliche "Diskurse" – erst post festum beginnt. Politisches Handeln setzt sozusagen per se erst nachträglich ein. Freilich ist es derselbe Effekt, der einer ebenfalls entstehenden "reinen" Netzpolitik vorerst enge Grenzen setzt. Hier erscheint jedenfalls im Moment noch die virtuelle Realität als zu schnell – und zu schnell vorüber. So werden bisher (noch) ICANN-Debatten außerhalb des Netzes kaum wahrgenommen. Repräsentanten und Repräsentatinnen virtueller Parlamente und Gremien erscheinen kaum in der "realen" Politik. Auch die sogenannten "Internet-Demonstrationen", Blockaden durch absichtliche Überlastung von Webseiten oder demonstrative Mailing-Aktionen, die sich gegen den bestimmte Stellen, Auftritte oder Netzanbieter richten, sind bisher kaum anders existent denn als "bloße" Netzereignisse. Sie bleiben vergleichsweise intern. Die Wahrnehmungsschwelle der Realzeit-Öffentlichkeit erreichen Aktionen im Netz dann doch erst wieder in Form von Zeitungs- oder Fernsehmeldungen und gehen als Eindruck rasch vorbei. Auf der Ebene des Netzes selbst wird man sich um das Ausbleiben von
Rückwirkungen der Realzeit auf die virtuellen Zeitmaße wahrscheinlich
keine Sorgen machen müssen, so lange der "Realzeit" die Rolle zukommt,
in der man sie einst auch entdeckt hat: Als die Zeit, von der die Maschinenzeit
sich abhebt – und zwar so gut und lange die Maschine funktioniert. Als
Zeit der Defekte, als Reparaturzeit, als Zeit des Wartens und der Lieferschwierigkeiten
des Ersatzteils wird die Realzeit wirklicher bleiben als die netzzugewandte
neue "Wirklichkeit" es möchte. So lange die hardware des Internet
sich nicht selbst in Stand hält, auf Energiezufuhr angewiesen ist
und sogar die software noch permanent (und im Grenzfall manueller?)
Aktualisierung bedarf, ist der Echtzeitfaktor auch im Netz der limitierende
Faktor überhaupt. Gemessen an anderen Grenzen wie Kosten oder auch
der möglicherweise fehlenden Netzkompetenz der Nutzer kann man sogar
die Prognose wagen: Die Bedeutung des limitierenden Faktors "Zeit" nimmt
wahrscheinlich eher zu, denn alle anderen Begrenzungen sind auf dem Wege
zu verschwinden.
6. Virtualisierung und philosophischer Zeitbegriff Stellt man "virtuelle" und "reale" Zeitmuster einander entgegen, so ist damit wenig gewonnen, solange man nicht einen wie immer heuristischen dritten Begriff einführt, der es erlaubt, den Kollisionsfall zu denken. Deshalb war oben schon ergänzend von "wirklicher" Zeit die Rede. Unter Punkt 5 hatten wir sie zunächst formal definiert – als Zeitgewebe, in dem im Prinzip alles in der lebensweltlichen Überlagerung vorkommen kann oder vorkommen könnte: vertraute "reale" Zeitmaße (die herkömmliche Uhr, der herkömmliche Kalender, aber auch die herkömmliche "subjektiv" empfundene Alltags- und Lebenszeit) wie auch rein "virtuelle" Chronien. Tendentiell ist neben dem wirklichen Konfliktfall vor allem ein Ineinandergreifen von real und virtuell eingestelltem "wirklichem" Zeitempfinden zu erwarten. Eine Normalisierung des Umgangs mit dem Zusammenspiel von real und virtuell ist wahrscheinlich. Deren Grenze ist eine praktische und eine des sozialen Friedens. Das Soziale darf sich nicht auf eine unerträgliche Weise zerspreizen durch das reale Vorhandensein der virtuellen Option. Bedarf es aber eines neuen philosophischen Zeitbegriffs, um die "virtuelle" Zeit zu beschreiben und – wo nötig – die Effekte einer mehr oder weniger weitgehenden Virtualisierung der vertrauten Zeitmuster zu verstehen? Die Antwort lautet: Nein. Und zwar aufgrund der Einsicht, daß es nicht "die" virtuellen Zeitmuster als solche sein werden, in denen das herausfordernd Neue des Zeitalters der vernetzten Kommunikation liegt. Sondern die Herausforderung liegt in der Notwendigkeit, neue, dichtere, schnellere, komplexe und vielleicht auch überkomplexe Zeitmöglichkeiten des Netzes mit den bisherigen Zeitmustern zusammenzubringen. Schon die netzlose Kommunikation verfügte über eine Pluralität von heterogenen Zeitmustern, und schon die netzlose Wirklichkeit der Zeit war ein Überlagerungsgeschehen. Mit anderen Worten: Schon die netzlose Wirklichkeit hatte einen differenzierten Zeitbegriff erfordert – einen philosophischen Zeitbegriff der Heterogenität von Zeitfeldern, deren Überlappung problematisch sein kann. In der Epoche der Netzkommunikation zeigt sich einmal mehr, daß das Leben in der Zeit in Wirklichkeit nur als ein komplexes Zusammenspiel aus Übergängen zwischen Zeitmustern gelingen kann. Neue Bedingungen wie die Eigenzeit virtueller Räume erfordern hier eine neue Balance. Ganz neue philosophische Zeitbegriffe sind dafür nicht erforderlich. Wichtiger ist die angemessene Beschreibungssprache, mit denen man das Neue an den zum Netzalltag gehörenden "virtuellen" Zeitgewohnheiten beschreiben kann sowie die neuen Erfahrungen mit Übergängen zwischen Netz- und netzlosen oder netzfernen Zeitmaßen. Denn auf die hier entstehenden Zumutungen kommt es an. Auf die Lebbarkeit des Zusammenspiels der Zeiten und nicht auf eine revolutionäre Virtualisierung "der" Zeit.
ANMERKUNGEN [1 ] Manuel Castells, The Information Age (1996), S. 350. [2 ] Paul Virilio, Krieg und Fernsehen (1991), München/Wien 1993, S. 16.
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