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Petra Gehring:
Zeitbegriff und vernetzte Kommunikation
Für die Philosophie ist "die Zeit" überhaupt ein Problem.
Eine Fehlannahme muß aus der Sicht der Philosophie daher zunächst
ausgeräumt werden, bevor die Frage nach der für die vernetzte
Kommunikation typische "virtuelle" Zeit aufgeworfen werden kann. Diese
Fehlannahme betrifft die gewohnte Ordnung der Zeit, die wir die "wirkliche"
Zeit nennen. Schon diese wirkliche Zeit hat nicht die Gestalt einer objektiv
gegebenen Einheit. Sie ist nicht mit einer "natürlichen" Zeit oder
gar mit der Zeit der physikalischen Zeitmessung, mit der praktisch greifbaren
"Uhrenzeit", identisch. Zeit läßt sich nur fragmentarisch objektivieren,
und dasselbe gilt für subjektive Zeiterfahrungen. Auch diese verweisen
nicht auf eine Homogenität der Zeit. Zeitphänomene sind relativ
und nur relativ messbar – zumindest über die Tatsache, dass
dies so ist, herrscht kein Zweifel unter so überaus verschiedenen
Wissenschaften wie der Mathematik und der theoretische Physik, der Soziologie,
der Psychologie oder auch der Geschichtswissenschaft, auch wenn ansonsten
diese Wissenschaften das Thema ganz unterschiedlich behandeln. Komplizierter
noch: Die Fülle dessen, was man als "wirkliche" Zeit ansprechen und
empfinden kann, ist überhaupt nicht als eine Zeit im Singular
denkbar. Für die Theoriebildung im 20. Jahrhundert war diese philosophische
Tatsache zentral. Und sie entspricht einem aktuellen Selbstverständnis,
demzufolge es normal und auch lebbar sein muß, in paradoxen Zeiterfahrungen
zuhause zu sein. Die konkret meßbare Zeit und die abstrakt konstruierbare
Zeit, die erfahrene Lebenszeit und die objektivierbare Weltzeit, die Wahrnehmung
der Geschichten und die Wahrnehmung der Geschichte klaffen auseinander.
Selbst das unmittelbare "Jetzt" ist nur in Widersprüchen denkbar.
Für die Reflexion ist gerade die zeitliche Gegenwart ein Paradoxon,
sie entzieht sich jedem Versuch der Eingrenzung.
Mit anderen Worten: Zeit ist für die Philosophie kein einheitliches
Phänomen. Was man Zeit nennt, ist ein heterogenes Problem, ein plurale
tantum. Die Zeiten der Wirklichkeit sind verzahnt, kollidieren, stehen
gegeneinander. Folglich ist schon das, was wir – jenseits der "realen"
Zeit und in einem übergreifenden Sinne – die "wirkliche Zeit" nennen,
alles andere als klar. Schon die wirkliche Zeit erfordert komplexe Modellbildung. |
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