KOMMUNIKATION
IM 21. JAHRHUNDERT
Die mobile Informationsgesellschaft

Interdisziplinäres Forschungsprogramm


 
 
 
 
 
 
 

Herbert Hrachovec:

"Zur Epistemologie der neuen Medien"
 

Dinge und Ereignisse, die nicht an Ort und Stelle wahrzunehmen sind, können symbolisch zugänglich gemacht werden. Bücher, Bilder oder Tonaufzeichnungen vermitteln nicht direkt erfahrbare Gegebenheiten. Dazu gehören auch Inhalte der Erinnerung und Phantasie. Der Vergleich des Gedächtnisses mit einem Archiv und die Rede von Zukunftsbildern machen deutlich, wie eng die Medien symbolischer Repräsentation an die Beschreibung von Bewußtseinsleistungen gekoppelt sind.

Dieser scharfe Kontrast zwischen Wahrnehmung und Repräsentation, dem eine Trennung zwischen Gegenwart und Vergangenheit/Zukunft korrespondiert, stammt aus Zeiten, in denen die Repräsentationsmittel nicht in der Lage waren, temporale Abläufe zu speichern bzw. räumliche Distanzen in Echtzeit zu überbrücken. Visuelle Symbolsysteme waren völlig in ihre einmal konstruierte Form gekapselt; Mittel zur akustischen Speicherung auditiver Abläufe fehlten ohnehin. Weder die Radio- und Fernsehproduktion, noch der Informationsaustausch im Internet läßt sich nach diesen Vorbildern erfassen.

Die technische Entwicklung hat die glatte Gegenüberstellung von Sinneseindrücken aus dem aktuellen Umfeld einer Person einerseits und zeichenhaft gegebener Inhalte andererseits unterlaufen. Im ersten Fall galt, daß die Wahrnehmungssituation einen abschätzbaren Kausalzusammenhang zwischen den Personen und den Gegenständen ihrer Welt implizierte. Täuschungen wurden am Normalfall sinnlich-empirischer Bestätigung gemessen. Symbolwelten der Phantasie, Kunst oder Wissenschaft unterlagen ganz anderen Kriterien. Seit scheinbar "klassische" Repräsentationen es jedoch erlauben, augenblicklich kausale Verbindungen zu entlegenen Orten aufzunehmen und dort vorfindliche Zustände ganz wie die unmittelbar greifbaren Dinge zu manipulieren, verweisen Begriffe wie "Ferngespräch" oder "Fernbedienung" auf das Problem maschinell globalisierter Sinnlichkeit.

"Telepräsenz" bezeichnet einen Schnittpunkt dieser Entwicklungen. Nicht umsonst teilten die Gegenwart ("Präsens") und die Anwesenheit ("Präsenz") denselben Wortstamm. So gesehen wäre der Terminus eine contradictio in adjecto. Es ist bezeichnend, daß Telepräsenz vor der Erfindung des Telefons in den Bereich der Mythen, der Religion und para-normaler Spekulationen fiel. Nur unter diesen Auspizien konnte jene Ausweitung der Kausalzusammenhänge imaginiert werden, die den Abläufen zumindest den Anschein objektiver Vorstellbarkeit verlieh. Entsprechend vorsichtig ist beim Versuch vorzugehen, die phylogenetisch determinierte Stabilität der Weltorientierung mit jenem Modus interaktiver Informationssteuerung zu konfrontieren, der die Akteure heute von der Einbindung der Sinnesorgane in ihre nächste Umgebung befreit und ihre Urteile weitgehend unerforschten Kriterien unterwirft.



 

 

 
 

 


 

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