Herbert Hrachovec:
"Zur Epistemologie der neuen Medien"
Dinge und Ereignisse, die nicht an Ort und Stelle wahrzunehmen sind,
können symbolisch zugänglich gemacht werden. Bücher, Bilder
oder Tonaufzeichnungen vermitteln nicht direkt erfahrbare Gegebenheiten.
Dazu gehören auch Inhalte der Erinnerung und Phantasie. Der Vergleich
des Gedächtnisses mit einem Archiv und die Rede von Zukunftsbildern
machen deutlich, wie eng die Medien symbolischer Repräsentation an
die Beschreibung von Bewußtseinsleistungen gekoppelt sind.
Dieser scharfe Kontrast zwischen Wahrnehmung und Repräsentation,
dem eine Trennung zwischen Gegenwart und Vergangenheit/Zukunft korrespondiert,
stammt aus Zeiten, in denen die Repräsentationsmittel nicht in der
Lage waren, temporale Abläufe zu speichern bzw. räumliche Distanzen
in Echtzeit zu überbrücken. Visuelle Symbolsysteme waren völlig
in ihre einmal konstruierte Form gekapselt; Mittel zur akustischen Speicherung
auditiver Abläufe fehlten ohnehin. Weder die Radio- und Fernsehproduktion,
noch der Informationsaustausch im Internet läßt sich nach diesen
Vorbildern erfassen.
Die technische Entwicklung hat die glatte Gegenüberstellung
von Sinneseindrücken aus dem aktuellen Umfeld einer Person einerseits
und zeichenhaft gegebener Inhalte andererseits unterlaufen. Im ersten Fall
galt, daß die Wahrnehmungssituation einen abschätzbaren Kausalzusammenhang
zwischen den Personen und den Gegenständen ihrer Welt implizierte.
Täuschungen wurden am Normalfall sinnlich-empirischer Bestätigung
gemessen. Symbolwelten der Phantasie, Kunst oder Wissenschaft unterlagen
ganz anderen Kriterien. Seit scheinbar "klassische" Repräsentationen
es jedoch erlauben, augenblicklich kausale Verbindungen zu entlegenen Orten
aufzunehmen und dort vorfindliche Zustände ganz wie die unmittelbar
greifbaren Dinge zu manipulieren, verweisen Begriffe wie "Ferngespräch"
oder "Fernbedienung" auf das Problem maschinell globalisierter Sinnlichkeit.
"Telepräsenz" bezeichnet einen Schnittpunkt dieser Entwicklungen.
Nicht umsonst teilten die Gegenwart ("Präsens") und die Anwesenheit
("Präsenz") denselben Wortstamm. So gesehen wäre der Terminus
eine contradictio in adjecto. Es ist bezeichnend, daß Telepräsenz
vor der Erfindung des Telefons in den Bereich der Mythen, der Religion
und para-normaler Spekulationen fiel. Nur unter diesen Auspizien konnte
jene Ausweitung der Kausalzusammenhänge imaginiert werden, die den
Abläufen zumindest den Anschein objektiver Vorstellbarkeit verlieh.
Entsprechend vorsichtig ist beim Versuch vorzugehen, die phylogenetisch
determinierte Stabilität der Weltorientierung mit jenem Modus interaktiver
Informationssteuerung zu konfrontieren, der die Akteure heute von der Einbindung
der Sinnesorgane in ihre nächste Umgebung befreit und ihre Urteile
weitgehend unerforschten Kriterien unterwirft.
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